Einem EU-Beitritt der Türkei stehen viele Europäer, Wähler wie Politiker, skeptisch gegenüber. Es geht um Armenien, Angst vor dem Islam und billigeren Arbeitskräften. Das ist alles Quatsch fürs Volk. Leider wird deswegen von der Öffentlichkeit aber übersehen, wie viel uns das Land strategisch bringen kann.

Wir sollten unsere Interessen nicht aus den Augen verlieren: Europa braucht die Türkei in der EU, um einen eigenen außen- und sicherheitspolitischen Pfeiler im Nahen Osten zu haben.
- Israel: Die Türkei hat ein gutes Verhältnis zu Israel, zum Beispiel im Rüstungsbereich. Bis zum Gazakrieg hat es zwischen Syrien und Israel vermittelt.
- Syrien: Wenn Damaskus eines Tages seine Außenwirtschaft komplett öffnet, werden türkische Firmen da den Laden schmeissen. Als EU-Land hätten wir damit dort erheblich mehr Einfluss als jetzt, und könnten Syrien vom Iran wegbewegen.
- Iran: Die türkische Diplomatie hat gute Kanäle nach Tehran. Das würde der EU dringend benötigte Einblicke verschaffen, und letztlich auch mehr Einflußmöglichkeiten. Wir brauchen iranisches Gas, und mehr Bewegungsfreiheit abseits der amerikanischen Iran-Politik, die einfach zuviel Gepäck aus dem 20. Jahrhundert mit sich herum schleppt.
- Russland: Die Türkei ist ein wichtiger Energie-Korridor, durch den Europa Gas aus dem Kaspischen Meer und dem Iran beziehen kann. Das würde unsere Abhängigkeit von Russland reduzieren. (Wenn die EU die Türkei ablehnt, läuft es andersrum, dann werden die türkischen Stimmer lauter werden, die eine Anlehnung an Russland fordern.)
- Kaukasus: Georgien ist ebenfalls Teil eines Korridors vom Kaspischen Meer in den Westen. (Siehe die geplante Eisenbahn von Baku nach Kars, zum Beispiel.) Die Türkei hat hier weniger Einfluss, ist aber zumindest Nachbarland. Russland sieht den Kaukasus seit dem 19. Jahrhundert als sein natürliches Einflußgebiet, und nimmt blutige Konflikte in Kauf – siehe Tschetschenien. Als EU-Mitglied wäre die Türkei eher bereit – erste Ansätze gibt es ohnehin schon – Armenien aus seinem Bündnis mit Moskau zu lösen.
Über andere Themen kann man diskutieren: Rolle der Armee, Frauen- und Kurdenrechte. Dazu ein andern Mal mehr auf draussen. Aus sicherheitspolitischer Sicht ist ein EU-Beitritt der Türkei im nächsten Jahrzehnt unerlässlich.
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