Wir wissen immer noch nicht, was bei den Präsidentschaftswahlen im Iran eigentlich passiert ist. Was mittlerweile hinreichend klar sein dürfte: wir wissen wenig über den Iran. Ich habe nicht alles gelesen, und einige Medien holen schneller auf als andere, aber ich finde die Berichterstattung dürftig.
Im Iran gibt es, anders als zum Beispiel in Ägypten und Thailand, kein stehendes Pressecorps, das auch in den vier oder fünf Jahren zwischen den Wahlen im Land ist, weil von dort aus auch über die jeweilige Region berichtet wird. Das besteht aus den Korrespondenten der großen Zeitungen und Fernsehanstalten, aber auch einer großen Zahl freier Journalisten. Ich glaube, dass sich in diesem Corps über die Jahre eine große Menge an Wissen und Kontakten zu Behörden, lokalen Journalisten und Experten ansammelt und auch kollegial geteilt wird. Das macht am Wahltag dann den Unterschied aus.
Vor den Wahlen wurde die hohe Inflation oft als Symbol für die (angebliche) Unzufriedenheit des Volks mit Ahmadenijad zitiert. Der Präsident hat zwar die Öleinnahmen des Landes in soziale Ausgaben gepumpt, damit aber die Preise angeheizt, war die Lesart. Hier ein sehr lesenswerter post von Djavad Salehi-Isfahani aus dem März, über Inflation im Iran und die Defizite unsere Auslandsberichterstattung:
Every time a reporter mentions Iran’s inflation or unemployment data, they feel obliged to assert, sometimes quoting unnamed experts, that actual numbers are probably twice the official rates. But most people who work with numbers know well that officials can manipulate one year’s inflation rate or two, but if the rates are misreported for a number of years, the mere effect of compounding will soon reveal their hand. If you take an inflation rate twice the reported rate for the last 15 years, the price level in 2008 would be about 130 times higher than it was in 1993, nearly ten times higher than the official rates indicate. It is easy to show that under reporting inflation by 50% each year for 15 years produces some very absurd results. For example, think of what such under reporting would do to the purchasing power of unskilled construction workers. Their wages increased by a factor of (…)
Dazu passt: Volker Perthes von der swp hat in diesen Tagen eine Meinungsumfrage (von vor den Wahlen) zitiert, in der 46 Prozent der Befragten sagten, dass sie von steigender Inflation nicht betroffen waren, oder sie nicht gefühlt haben.
Die Zeit ist bereits vor zwei Jahren mal genau der Frage nachgegangen, auf die viel intensiver eine Antwort hätte gesucht werden müssen: “Hat Präsident Ahmadenischad das Los der Armen in den Provinzen verbessert?”
Die Antwort, auch aus dem Teaser: “Eine Antwort darauf zu finden ist fast so schwierig, wie die Wahrheit über die iranische Bombe zu entschlüsseln.”
Ein lesenswerter und lobenswerter Versuch, der scheitert und das zum Thema macht. Ich glaube aber, dass Persien nur dann ein Labyrinth ist, wenn man von draussen (!) darauf schaut.
Präsident Ahmadinejad hat kürzlich die Renten erhöht. Er ist in seiner Amtszeit sehr viel in die ländlichen Regionen gereist. Er hat richtig hart gearbeitet, sodass man sogar im Westen über die Erschöpfung des Präsidenten schrieb. Er hat sich bemüht und alles gegeben für seine Wähler. Das Wahlergebnis hat viele Iraner nicht gewundert, auch wenn der Westen etwas anderes glaubt. Die Islamische Revolution wurde auch von den Menschen in der Region getragen. Es war nie die geschminkten Halbkopftuch Kapitalisten, die etwas bewirken konnten. Die Kapitalisten in Nordteheran sind eine Minderheit. Der Großteil der Iraner ist sehr religiös und steht hinter Imam Khamenei.