Die ägyptische Website Nazaha, gesponsert von USAID, einer Exporthilfe-Organisation der amerikanischen Regierung, hat eine Menge Besucher (laut diesem Artikel von Hany Ibrahim, der über das Disc die Seite gegründet hat). Sie versteht sich als Mittel im Kampf gegen Korruption, nahezu der Modus Operandi der ägyptischen Wirtschaft und vor allem tägliche Erfahrung der Ägypter.
Ich glaube, dass auch das Internet wenig ausrichten kann, wenn Korruption Teil des politischen Systems ist. Ibrahim irrt vollkommen, wenn er glaubt, dass Mubarak sich gegen Korruption einsetzt, wie er in seinem Artikel suggeriert.
In Ägypten findet man nur schwer heraus, wer welche Anteile an Unternehmen hält. Die entsprechenden Register sind veraltet und kaum zugänglich. Das ist letztlich gewollt, die Verwaltung ist Teil eines politisches Systems, das die geschlossene Elite und ihre Geschäfte schützt. Die Justiz ist ohnehin nicht unabhängig, auch auf diesem Wege kann man nichts heraus finden.
Das Internet sammelt also nur, was ohnehin in die Medien gelangt ist. Daher ist auch Nazaha letztlich nur eine Presseschau (plus einige Trainingstools von USAID fuer Journalisten). Das ist schon mal was, lokaler Content ist wichtig und informiert diejenigen, die sich für Korruption interessieren.
Wenn es voran gehen soll, müssten lokale Behörden und ihre Vergabe von Aufträgen der lokalen Bevölkerung irgendwie rechenschaftspflichtig gemacht werden. Das wäre für Ägypten meiner Meinung nach ein Quantensprung in seiner Entwicklung, denn dann würden die Milliarden verschwendeter Entwicklungshilfe eher ankommen, und lokale Firmen könnten für Wirtschaftswachstum sorgen, dass in den Regionen bei den Leuten ankommt.
Aber wie soll das gehen, wenn die Behörden seit Jahrzehnten von der gleichen Partei kontrolliert werden, und ihe Spitzen fast ausnahmslos von ehemaligen Generälen besetzt sind, die die Interessen des Sicherheitsapparates wahren?
(Ibrahim irrt vollkommen, wenn er glaubt, dass Mubarak sich gegen Korruption einsetzt, wie er in seinem Artikel suggeriert.)
[Via socialtransparency].
Oeffentliche Auftragsvergabe und Transparenz von Geldern der oeffentlichen Hand, gerade auf lokaler Ebene, sind in der Tat ein wichtiges Mittel gegen Korruption. Die Open Budget Initiative hat diesbezueglich einen interessanten Index veroeffentlicht: http://www.openbudgetindex.org/
Du schreibst “Das Internet sammelt also nur, was ohnehin in die Medien gelangt ist.” Und genau das ist das Problem. Denn systemtheoretisch betrachtet geben Medien eben nie “die Wirklichkeit” wieder, sondern Medientatsachen, die durch systemspezifisches Operieren entstanden sind: „Die dargestellte Welt ist eine Folge der Darstellung der Welt.” Medien können insofern keine außermediale Wirklichkeit abbilden. Sie orientieren sich an bisher geleisteten Wirklichkeitsbeschreibungen und fügen diesen neue hinzu. Wenn die neuen Beschreibungen mit den Erwartungen übereinstimmen, glauben wir daran, dass sie korrekt sind. Das gilt für Blogeinträge natürlich genauso
Georg, vielen Dank fuer den link, der Index ist sehr interessant.
Steve, kleiner Exkurs in die Systemtheorie, natuerlich geben Medien nie die Wirklichkeit wieder. Aber sie koennen sie veraendern. Wenn bei uns ein investigativer Journalist eine getuerkte Auftragsvergabe aufdeckt, wird der Beamte angeklagt, oder ein Politiker tritt zurueck, die Bevoelkerung wird sensibilisiert (das heuristische Prinzip der Krise).
In Aegypten ist das oft andersrum, das politische System (Mubarak) entscheidet, ob ein Skandal nuetzlich ist oder nicht, und dann koennen die Medien das aufgreifen.
Zum Verhältnis von PR (auch und gerade politischer) interessant: die wechselseitige Durchdringung zweier Systeme, die Interpenetration, wie sie u.a. von Westerbarkey beschrieben wird.
Systeme übernehmen hiernach Leistungen anderer Systeme zwecks Erhöhung ihrer eigenen Effizienz, etwa durch Import von Operationsmustern. Damit entlasten sie diese zugleich von Komplexität und funktionalen Problemen, was zur beiderseitigen Leistungssteigerung führen kann.
Politik und Medien sind zweifelsfrei aufeinander angewiesen, normativ aber auch autonome Instanzen. Diese Konstellation nutzen nun beide zur Interpenetration des anderen Systems: 1.) die Politik durch Instrumentalisierung der Medien und 2.) die Medien durch Medialisierung der Politik.
Extensive Instrumentalisierung gefährdet allerdings die Glaubwürdigkeit der Medien, extensive Medialisierung die der anderen Systeme. Inhaltliche Instrumentalisierung und Medialisierung begünstigen gleichermaßen konsonante Medienrealitäten, da sich in beiden Fällen operative Medienstandards durchsetzen. Damit kommen sie dem Publikumsbedürfnis nach möglichst konsensuellen Weltbildern entgegen und erhöhen so faktisch wie fiktional die Chance gesellschaftlicher Koorientierung und Koordination. Je besser sich das Publikum aber informiert glaubt, desto eher entgehen ihm alternative Möglichkeiten. Die Macht der Medien resultiert also keineswegs allein aus den potentiellen oder tatsächlichen Wirkungen ihrer eigenen Operationen und Wirklichkeitsentwürfe, sondern auch aus dem Verhältnis und Umfang ihrer aktiven und passiven Interpenetration.
In Ägypten ist wohl von einer Instrumentalisierung der Medien auszugehen.
(Quelle: Westerbarkey, Joachim (1995): Journalismus und Öffentlichkeit. Aspekte publizistischer Interdependenz und Interpenetration. In: Publizistik Jg. 40. Heft 2, S. 152-162)