Ein Niltal reicht

Leg ich mal los mit einer Fussnote zu den Lebensmittelpreisen. Fussnote deshalb, weil man wohl Landwirtschaftsexperte sein muss, um die komplexen Gründe für die hohen Preise zu verstehen.

Aber eines halte ich für eine Mär: dass die Welt sich bald nicht mehr ernähren kann, weil es nicht genug Flächen gibt, beziehungsweise die Produktivität zu niedrig sei (womit sich nämlich alle Rufe nach mehr Gentechnik und mehr Geld erübrigen.)

Dazu ein Blick auf drei Länder: Sudan, Ägypten und Algerien.

Alle drei zeigen, dass das Problem eher im Mangel an Demokratie und lokaler Mitbestimmung liegt. Investitionen werden nicht in die Bereiche gelenkt, die für die Bevölkerung und die wirtschaftliche Entwicklung wichtig sind, in diesem Falle die Landwirtschaft.

Der ägyptische Staat verplempert sein Geld mit einem Grossprojekt sozialistischer Prägung (was auch für die Erfolgsaussichten gilt) und meint, sich mal eben ein zweites Niltal gönnen zu müssen: das Bewässerungsprojekt in Toshka. Keiner weiss, wie es damit steht und welche Erfolgssaussichten es hat. Mubarak kann das aber nicht mehr einstellen, weil er sich ein Scheitern politisch nicht leisten kann.

Das ägyptische Regime legitimiert sich und seine autoritären Züge u.a. damit, dass über 90% der Bevölkerung auf den 3% des Landes wohnen, der fruchtbar ist, und die Ressourcen angeblich knapp sind.

Timothy Mitchell in The Rule of Experts hat klasse gezeigt, dass das Propaganda und völliger Quatsch ist. Das Niltdelta ist immer noch sehr fruchtbar und könnte halb Europa mit Obst und Gemüse versorgen. Aber die ägyptische Landwirtschaft ist eben immer noch von Planwirtschaft geprägt, und der planlose Düngemittel-Einsatz macht viel kaputt.

(Eine andere Sache ist, dass in Aegypten viel Weizen bzw. subventioniertes Mehl von der Verwaltung unterschlagen wird und zu Marktpreisen verkauft wird. Mehr Geld für die Regierung ist also auch hier keine Lösung.)

Das grösste landwirtschaftliche Potential hat vielleicht der Sudan. Aber der Sudan ist gleichzeitig ein Land ohne Infrastruktur, und ohne Strassen, Flughäfen, Häfen entsteht kein Markt, auf dem Bauern oder Investoren ihre Produkte verkaufen können.

Zwischen Ägypten und Sudan gibt es nicht einmal eine Strasse. Da werden die Mangos einzeln auf den Kahn getragen, der zweimal die Wochen in Wadi Halfa am Strand anlandet.

Schliesslich: Algerien hatte in vorkolonialer Zeit den Ruf, die schönsten Orangen der Welt zu produzieren. Viele Jahrzehnte Militärherrschaft inklusive Bürgerkrieg später hat das Land nur noch zwei Exportprodukte: Öl bzw. Erdgas (97%) und Datteln (3%). Trotz riesigen landwirtschaftlichen Potentials findet man in den Epicieries Algiers nur französische Produkte, weil das Land keine lebensmittelverarbeitende Industrie hat.

Diese drei Länder sind sicher Extrem-Beispiele. Die südostasiatischen Reis-Produzenten sind in besserer Verfassung, und realisieren damit auch eher ihr Potential.

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