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Der Fall Athar El Nabi

Hier hol ich etwas weiter aus, aber es lohnt sich, sich Gedanken über Athar El Nabi zu machen.

Athar El Nabi ist ein Grosshandelsmarkt für Gemüse und Obst im Zentrum Kairos. In Richtung Maadi. Hier holen die Einzelhändler der Stadt also Wassermelonen und Gurken ab. Auf dem Gelände gibt es auch eine kleine Anlage, die Tierfutter für Kairos Esel zurecht stampft.

Eigentlich ist Athar el Nabi aber etwas ganz anderes: ein Binnenhafen.

Durch dem Staudamm bei Assuan fiel der Nilpegel um einige Meter, und mit dem damaligen Stand der Technik liess sich der Hafen nicht mehr betreiben. Heute geht das längst, und ein ägyptisches Logistik-Unternehmen gewann 2002 eine Lizenz, auf dem Nil samt Athar el Nabi Binnenschiffahrt zu betreiben. (Ein Hafen in Kairo ist dafür wichtig, weil da der Grossteil der Fracht hingeht, die in den ägyptischen Seehäfen ankommt.)

Dann passierte aber jahrelang erstmal nichts. Denn nach und nach haben sich eben die Gemüsehändler auf dem brachliegenden Gelände angesiedelt.

Das Land gehört der River Transportation Authority, aber trotzdem lässt es sich die Markt-Abteilung des Gouvernorat Kairo nicht nehmen, Gebühren von den Händlern zu kassieren.

Die Regierung (genauer gesagt der Sicherheitsapparat) ist nicht willens, den Markt zu räumen, aus Angst vor Ausschreitungen und sozialem Protest. Gleichzeitig schafft es der lokale Parlamentsabgeordnete, hinter den Kulissen die Interessen der Händler zu schützen, obwohl sich ein Premierminister und ein ehemaliger Gouverneur Kairos (aber eben nicht dessen Verwaltung, deren Gebühren gefährdet waren) das Unternehmen unterstützten. (Die weitgehend inaktive staatliche Binnenschifffahrtsgesellschaft hat kein Interesse, dem privaten Wettbewerber beizuspringen.)

Kaum ein anderer Fall zeigt so prägnant, warum die politische Ökonomie Ägyptens der Entwicklung des Landes diametral entgegen steht: Ägyptens Regime hat so wenig Legitimation in der Bevölkerung, dass es keine Konflikte eingehen kann (geschweige denn Reformen angehen). Da es keine Strukturen, Institutionen, Machtansammlungen außerhalb seiner Kontrolle duldet, gibt es quasi keine politischen Institutionen, mit deren Hilfe mit der Bevölkerung/zwischen Interessengruppen verhandeln werden kann.

Das muss man sich mal vorstellen: die einfache relocation eines Gemüsemarkts (der erwiesenermassen illegal ist) ist nicht zu machen, und das obwohl damit die Entwicklung des ägyptischen Transportsektors entscheidend behindert wird. Es geht nicht einmal um eine gesellschaftliche Gruppe oder Schicht, die eine Reform unterläuft. Es geht um 100 Leute (und Familien).

Also legen einige Dutzend Händler, die vielleicht zehntausend Dollar am Tag umsetzen und für die man leicht ein anderes Gelände ausserhalb der Stadt finden könnte, die ägyptische Binnenschifffahrt lahm, die enormes Potenzial hat. Wirtschaftlich sowieso, aber sie würde vor allem die Umwelt (und die erschreckende Verkehrstotenbilanz) schonen. Auf ein Schiff passen drei Container und mehr, auf einen Laster nur einer. Stattdessen hat in Ägypten die Strasse einen einmaligen Marktanteil von 97% am inländischen Cargo-Markt (dementsprechend gibt es auch keinen Intermodalverkehr). In Deutschland erspart uns die Binnenschifffahrt jeden Tag 32,000 Lkw-Fahrten.

Auch ein sinnvolles Projekt der holländischen Entwicklungshilfe, die den Nil von Alexandria bzw. Damietta bis runter nach Assuan aufbereitet hat, hat nicht geholfen.

(Das war der Stand bis Herbst 2007. Die Logistik-Firma hat mit dem Transport-Ministerium einen Vergleich geschlossen, weil es Athar el Nabi nie wie vereinbart übergeben bekommen hat. Auf dem Bild oben sieht man mittlerweile Schiffe in Athar El Nabi liegen.)

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