Korruption ist ein globales Phänomen. In Deutschland häufen sich die Fälle großer Korruption und in Indien ist besonders die “kleine” Korruption weit verbreitet. So müssen Bürger für allerlei Dienstleistungen ein extra Salär zahlen. Davor schrecken auch öffentlichen Institutionen nicht zurück, die für jeden Behördengang dem Bürger ein “Beschleinigungsgeld” abtrotzen.
Doch hier ist vor einer Weile eine interessante Initiative entstanden: Zero Rupees. Die Idee kommt von einem indischen Physik Professor, der es Leid war immer dieses extra Entgelt zu zahlen. Er druckte für den eigenen Gebrauch künstliche Geldnoten mit dem Wert Null, den er von nun an fordernden Beamten gab. Daraus entstand die Initiative 5th Pillar im Kampf gegen Korruption. Mittlerweile wurden 25.000 solcher Noten gedruckt und verteilt. Doch die Nachfrage war so groß, dass die Initiatoren gerade eine höhere Auflage drucken.
“The first batch of 25,000 notes were met with such demand that 5th Pillar has ended up distributing one million zero-rupee notes to date since it began this initiative. Along the way, the organization has collected many stories from people using them to successfully resist engaging in bribery.
In einem Blog Post der Weltbank werden einige anschauliche Beispiel beschrieben. In einem Fall war der Beamte so erstaunt und bestürzt über die Null-Rupee-Note, dass er die ganzen bisherigen gezahlten Gelder zurück gab.
“… a corrupt official in a district in Tamil Nadu was so frightened on seeing the zero rupee note that he returned all the bribe money he had collected for establishing a new electricity connection back to the no longer compliant citizen.”
Schönes Beispiel für eine eine Grasswurzel-Initiative, die einen wunden Punkt trifft und dadurch eine Solidarisierung zwischen den Leidtragenden kleiner Korruption schafft.
Saudi-Arabien hat die erste gleichgeschlechtliche Universität eröffnet. Kuweit hat sich ein kleines bisschen demokratisiert. Die Türkei wird für ihre Demokratisierung mit Wachstum belohnt. Im Iran gehen Menschen auf die Strasse. Im Libanon ist ein bisschen Ruhe eingekehrt.
Einige der zehn guten Nachrichten aus der muslimischen Welt im Jahr 2009, nach Informed Comment: Top Ten Good News Stories from the Muslim World in 2009 That You Never Heard About.
Die Gewichte verschieben sich. Die USA werden irgendwann pleite sein, und hinter den Kulissen tobt bereits ihr ökonomischer Machtkampf mit China.
Waren bisher Märkte außerhalb des Westens vor allem Abnehmer westlicher Waren und Technologien, haben sie sich vor allem in der Finanzkrise auch zu einem wichtigen Geldgeber für westliche Firmen gemausert, vor allem in rohstoffreichen Regionen wie dem Golf.
Ein sehr viel nachhaltigeres Zeichen für neue Gleichgewichte beschreibt das Wall Street Journal in diesem lesenswerten Stück: bei ihrem Bemühen, Produkte für die Ärmsten der Welt zu entwickeln, müssen sie indische Firmen so innovativ sein, dass dabei Dinge heraus kommen, die sich auch im Westen verkaufen lassen.
Indian companies, long dependent on hand-me-down technology from developed nations, are becoming cutting-edge innovators as they target one of the world’s last untapped markets: the poor.
India’s many engineers, whose best-known role is to help Western companies expand or cut costs, are now turning their attention to the purchasing potential of the nation’s own 1.1-billion population.
The trend that surfaced when Tata Motors’ tiny $2,200 car, the Nano, hit Indian roads in July, has resulted in a slew of new products for people with little money who aspire to a taste of a better life. Many products aren’t just cheaper versions of well-established models available in the West but have taken design and manufacturing assumptions honed in the developed world and turned them on their heads.
Netter Beitrag in der FAZ: Es spricht sich rum, dass Rohstoffgelder und Entwicklungshilfe nur Diktatoren an der Macht halten und damit Entwicklung blockieren. Investitionen in viele kleine Unternehmen hingegen können vom Machtzentrum schlecht kontrolliert werden und beteiligen neue Unternehmer und Regionen.
Daher kommt die neue Hoffnung für Zentralafrika auch weniger aus der Entwicklungshilfe der Industriestaaten, die demnächst noch massiv aufgestockt werden soll. Hoffnung macht das private Geld, das zunehmend auf den Kontinent strömt: durch Beteiligungsgesellschaften wie die deutsche Altira-Gruppe, die sich in lokale Unternehmen einkaufen. Durch große und kleine Anleger, die sich über Fonds und Zertifikate an lokalen Börsen engagieren. Durch Überweisungen der steigenden Zahl afrikanischer Gastarbeiter im Ausland. Und immer mehr auch durch westliche Unternehmen, die in Afrika Tochtergesellschaften gründen.
Man sollte den Tag nicht vor dem Abend loben, der Artikel ist an einigen Stellen ein wenig zu optimistisch für meinen Geschmack. Aber er zeigt den einzig nachhaltigen Weg für Afrika auf.
Pedro M. Cruz hat einen faszinierenden kleinen Film produziert der in dreieinhalb Minuten die Geschichte des Kolonialismus einzig mit kleinen und großen Ballons erzählt. Der Film ist ein großartiges Beispiel, wie man mit Hilfe von Visualisierungen einen Ausschnitt der Geschichte anschaulich darstellt. So platzt zum Beispiel die Blase Frankreichs 1960 und viele afrikanische Staaten verabschieden sich in die Unabhängigkeit. Die Portugiesen haben dann noch bis in die Siebziger Jahre gebraucht. Der Film startet 1800 mit vier großen Blasen (Großbritannien, Spanien, Frankreich und Portugal) und endet mit kleinen Ballons in der Gegenwart.
Über das große Heer der chinesischen Wanderarbeiter berichten deutsche Zeitungen häufig. Doch weniger bekannt ist, wie chinesischer Arbeiter das Internet zur Organisation von Protesten nutzen. Die LA Times hat vor kurzen hier zu einen interessanten Beitrag veröffentlicht: “Chinese workers use Internet for shoptalk“.
Trotz aufwendiger Zensur gelingt eine Diskussion über das Internet. Foren und soziale Netzwerkdienste schaffen Räume für Koordination und Mobilisierung zum Thema Arbeiterrechte. Nach Aussage der LA Times sind etliche Foren entstanden, in denen Angestellte von Firmen über Arbeitsbedingungen in Fabriken berichten. Teilweise unterstützen dies die Firmen selber.
Reporting from Shenzhen, China - When Jiang Dabao lost his right hand to a molding machine three years ago, his factory boss said he wasn’t eligible for workers’ compensation. Unemployable, Jiang whiled away his days in the Internet bars that thrive here in China’s manufacturing heartland.
Eventually he tapped into an online forum on QQ, a popular social networking service, where he found a workers advocacy group that helped him win a $30,000 settlement.
“Before I got hurt, I had no idea how to use a computer or even the Internet,” said Jiang, who identified himself by his childhood nickname for fear of official reprisal.
Forums such as the one used by Jiang have become the Chinese proletariat’s equivalent of Facebook or Twitter.
Vielen Regierungen sind solche Aktivitäten ein Dorn im Auge, weil sich die Diskussion oftmals ihrer Kontrolle entzieht. Die nigerianische Regierung will dieser Tage mit einer 5 Millionen Dollar Kampagne zur Image Verbesserung der Regierung gegensteuern. Ziel Nummer eins ist die Debatte im sozialen Web positiv zu beeinflussen, weil zur Zeit noch populäre regime-kritische Blogs die Debatte dominieren.
Persönlichkeit hin oder her, der Friedensnobelpreis sollte prinzipiell nicht an US-Präsidenten vergeben werden. Wer weiß, welche geheimen Folterprogramme es jetzt noch in der CIA gibt. Ganz zu schweigen von den Schurkenstaaten, die die USA in aller Welt hofieren.
Während in Bagdad noch gebaut wird, wird in Arbil schon gerutscht. Basra, Sulaymaniyah und Nadschaf ziehen nach. Ein Wettrennen um das tropischste Freibad und das größte Hotel im Irak hat begonnen. Die Frage ist nur: Warum?
Es gibt im Nahen Osten Fulla, die verschleierte Barbie, und es gibt die 99 Comic-Superhelden, die im Stile Batmans, aber im Namen Allahs die Welt retten. Und nun – sehr bald – soll es auch das irakische Pendant zu den beliebten Centerparks Europas geben. Im Irak sprießen die Abkühlung verheißenden Duschpilze aus dem Boden wie die blau gekachelten Freibäder im Nachkriegsdeutschland und die Hotelburgen an der Costa del Sol. Aber damit nicht genug: Golf, Segeln, Beten, alles soll in Tourimusdinar umgemünzt werden.
Das infantile Hochgefühl, das sich dem Deutschen beim Gedanken an den Verzehr von Pommes und Flutschfinger beim Warten an der Wasserrutsche einstellt, schwappt nun auch in den Irak und sorgt aller Orten für Euphorie. Die Investitionsbehörden überschwemmen die Welt mit Plänen, die den Irak zum Tourismus- und Schwimmbadmekka der Region aufbauschen. Als interessierter Beobachter stellt sich die Frage, ob sich das heimelige Bratwurstgefühl als Halal-Version überhaupt realisieren lässt. Denn mit Verwunderung bleibt zumindest festzustellen, dass es an Ausbildungseinrichtungen für Concierges und Köche, Schwimmbadreiniger und Bademeister mangeln dürfte.
Dabei besteht in der wissenschaftlichen Empirie kein Zweifel mehr daran, dass viel und vor allem gute Bildung vor allem, wenn nicht sogar ausschließlich, Gutes tut. Die PISA-Sieger Europas sind demokratischer und partizipativer, handeln gerechter, sind wirtschaftlich erfolgreicher und leben ohnehin gesünder. Liegt das wirklich an der Bildung? Der Verdacht liegt zumindest nahe. Ob das im Nahen Osten genauso ist? Auch dieser Verdacht liegt nahe. Aber Bildung hat noch einen weiteren heilsamen Effekt. Die Neurowissenschaften haben es belegt: Bildung macht glücklich. Lernen stimuliert und erzeugt Glücksgefühle. Nicht das neue Auto und auch nicht die Zinsen auf dem Konto, sondern das „Lernen“, dass es mehr Geld und mehr PS gibt, bringen die Hormone zum Sprudeln. Was also beabsichtigen die irakischen Investitionskommissionen mit ihren Sprudelbädern ohne einen Personalunterbau zu schaffen.
Nun, in den Nachbarländern des Irak hat der Vergnügungswahn schon längst Einzug gehalten und wer möchte es der Region auch nicht gönnen. In der laut New York Times Weltpartyhauptstadt Beirut tanzt die vergnügungsfreudige Jugend auf Särgen in alten Luftschutzbunkern, in Kairo spielt der Golfaraber Black Jack und in Amman, nun, in Amman schaut der Beduine zu. Und genau das hat der Irak satt. Man möchte mitmischen im regionalen Eventzirkus und hat sich den Tourismus ausgesucht, um ein Teil der arabischen Spaßbadkultur zu werden, sei es zum Amusement der Bevölkerung oder dem wirtschaftlichen Erfolg. Es ist also ein dual-use Projekt könnte man ganz neudeutsch sagen. Was dem Szene-Berliner das Blindenrestaurant, ist dem Iraker das Freibad – oder soll dies zumindest werden. Der in den nächsten Jahren zwangsläufig versiegende Ölreichtum wird durch chloriertes Wasser aufgegossen.
Es mag nicht jedermanns Geschmack sein, im Freibad als Frau muslimisch korrekt vollbekleidet ins Wasser zu waten, aber das ist sekundär. Was zählt, ist, dass der Anschluss nicht verloren wird, egal welch absurde Formen er annimmt. Ob das einem Land wie dem Irak weiterhilft, dass wirtschaftlich noch immer vor allem vom Öl abhängig ist und sich gesellschaftlich neu erfindet, ist fraglich. Andererseits haben Brot und Spiele noch immer den Mantel über die quälenden Konflikte einer Gesellschaft gelegt, deren Lösung zu vertagen im autokratischen Nahen Osten Tradition hat. In Ägypten ist die Ausstrahlung des nationalen Fußballs in staatlicher Hand, um den Fußballfans wenn schon keine politische Mitsprache so doch zumindest viele Tore anzubieten.
Es bleibt zu hoffen, dass die irakischen Politiker weisere Entscheidungen treffen und das Fundament für eine nachhaltige und diversifizierte Wirtschaft schaffen. Wenn der Irak über eine Ressource verfügt, die verebben wird, dann ist es die eigene Bevölkerung. Unqualifizierte Arbeitskräfte den Kräften der globalen Tourismuswirtschaft auszusetzen scheint in jedem Fall ein gewagtes Unterfangen zu sein. Und ein gelernter Arbeiter stände zudem sogar noch viel glücklicher mit Eis an der Wasserrutsche.
Blogger leben von ihrer Leidenschaft für ein Thema. Sie verdienen kein Geld. Es gibt viel Mist. Aber eine effektive Qualitätskontrolle: was nicht gut ist, lese ich nicht.
Blogs sind flüchtig. Ihnen fehlen die Rechtsabteilungen der Verleger, die gestandenen Chefredakteure, die der Abmahnwut von Konzernen, die keine Presse- und Meinungsfreiheit wollen, etwas entgegen setzen.
Trotzdem ist Journalismus anfälliger, weil er Geld verdienen muss. Er braucht Werbung, aus allen Teilen der Welt. Anders kann ich mir dieses Stück im Economist nicht erklären, immer noch eine der angesehensten Publikationen westlichen Journalismus. Dem Artikel fehlt jeglicher Kontext, Hintergrund, und ist PR für das ägyptische Regime:
EGYPTIANS blame their government for many things, but they cannot say it has failed to rise to the threat of swine flu. In May it ordered the mass slaughter of Egypt’s 200,000-odd pigs. Since the summer, masked health officials have screened the country’s airports, hauling some 800 feverish-looking visitors off to quarantine on arrival. In August the government banned anyone under 25 or over 60 from making the pilgrimage to Mecca, in a bid to keep the more vulnerable safe at home.
Das hier ist das zentrale Propaganda-Argument des Regimes, ohne Kommentar übernommen:
But officials point out that nine-tenths of Egypt’s 82m people are squeezed into the Nile valley, an area smaller than Denmark.
Man muss nicht erst Mitchell lesen, um die Lüge zu begreifen.
Interessanter Weise ist der Korruption im Emissionhandel ein Gastbeitrag im TI Korruptionsbericht 2009 gewidmet. Demnach wurden bis 2007 Emissionen im Wert von €40 Mrd. gehandelt. Je nach regulatorischer Ausgestaltung des Markts kann das um fast das dreißigfache bis 2020 steigen. Wo so viel Geld hockt, ist auch Korruption. Warum dieser Markt besonders anfällig sein könnte, habe ich hier schon mal diskutiert.
Die Autoren (Jorund Buen und Axel Michaelowa, Berater aus der Branche) nennen einigen Schwachpunkte und berichten von eigenen Erfahrungen mit Korruptionsangeboten und gefälschten Papieren aus Indien. Vor allem geht es um die Frage, ob ohnehin geplante Projekte leicht als zusätzlich ausgegeben werden, um Gelder zu bekommen.
Offsets are valid and make an effective contribution to reducing carbon emissions only if they are awarded for projects that would not otherwise have taken place. This additionality criterion is diffi cult to ascertain and can provide scope for manipulation. Here there is an ongoing ‘cat and mouse’ game between project developers, who try to get projects that would have happened anyway approved as additional, and the regulators, who have developed detailed rules to prevent such projects from qualifying under the mechanisms. In broader perspective, this underlines the fact that carbon markets are political constructs in which products, values and their distribution are critically shaped by rules and regulations, which as a consequence become the focus of intense lobbying, some of which might degenerate into corruption.
Die bilaterale Handelsstruktur nennen die Autoren auch:
A final area of concern is the voluntary carbon credit market, in which companies and individuals without formal compliance obligations can buy offsets to compensate for their carbon footprint. While standards have been developed for such markets and most players act responsibly, a lack of regulation poses the risk of fraud – for example, the selling of one and the same emissions reduction to several customers.
Transparency International hat vor einigen Tagen seinen Korruptionsbericht 2009 vorgelegt. Dieses Jahr mit dem Schwerpunktthema Privatwirtschaft. Beschäftigt sich auch mit Korruption innerhalb der Privatwirtschaft, über die man sonst weniger liest als zwischen Privatwirtschaft und Staat. Der Bericht ist eine gute Resource zum Thema, auch wenn er etwas zusammen gewürfelt daher kommt. Eher ein Nachschlagwerk zu einzelnen Themen-Komplexen und Ländern. Schade, dass es zum Nahen Osten weder Kapitel zu Ägypten noch zum Golf gibt, die wichtigsten Regionen der arabischen Welt.
Ich halte Korruption für einen der wichtigsten Faktoren wirtschaftlicher Entwicklung. Sie verhindert, dass effizientere und innovativere Unternehmen in den Markt kommen (und Arbeitsplätze schaffen) und belastet die Staatskassen, indem Aufträge überteuert vergeben werden. In den nächsten Tagen mehr zu einzelnen Abschnitten des Berichts auf draussen.
Brigitte Reiser hat ein spannendes Blog Nonprofits-vernetzt, das immer wieder versucht die deutsche Nonprofit-Szene für die Möglichkeiten des sozialen Webs zu erwärmen. Ich wünschte mir es gäbe mehr solche Blogs auf die wir hier von Draussen verlinken könnten. An was das wohl liegen mag?
Brigitte Reiser bat mich vor einer Weile über die Potenziale von online Karten für Bürger zu schreiben. Heraus kam folgender Beitrag “Kartierung durch Bürger und Nonprofits im Internet“. Ich habe versucht das große Potenzial von offen Karten zu erklären und einige spannende Beispiele weltweit aufgeführt. Die treuen Leserinnen und Leser von Draussen kennen bereits viele Beispiele.
Das Internet hat die Welt der Kartographie revolutioniert. Während heute mit ein paar Klicks jeder Ort auf der Welt sogar per Satellitenbild besucht werden kann, gab es früher oft nur die Papiervariante, die für jedes Gebiet extra erworben werden musste.
Doch die digitalen Karten erlauben eine andere Nutzung geographischer Informationen. Jede Karte kann mit unbegrenzten Daten angereichert werden, die zum Beispiel Umwelteinflüsse in unterschiedlichen Teilen einer Stadt darstellen. Anders als in der Vergangenheit sind solche Karten und aufwendige Simulationen nun für jeden kundigen Internetnutzer möglich. Gerade für den gemeinnützigen Bereich ergeben sich hier faszinierende Möglichkeiten (“Mapping a better world” ).
Während in früheren Zeiten die Erstellung und Bearbeitung von Karten Sache von Experten war, können heute findige Laien Karten selbst erstellen und mit eigenen Informationen kombinieren. Die Karten mit den Fähnchen auf vielen Internetseiten sind das beste Beispiel.
Den Weg für solche frei verfügbaren Karten hat Google mit der maps.google.de Anwendung geebnet. Doch aus gemeinnütziger Sicht weitaus spannender ist die offene Karte von OpenStreetMap , die jeder Person alle Kartenmaterialien inklusive der dahinterstehenden Geodaten frei zur Verfügung stellt. Die Karte wird ähnlich wie bei Wikipedia von ehrenamtlichen ‘Mappern’ erstellt und steht im Unterschied zu Google unter der Creative Commons License frei zur Verfügung. In ein paar Minuten ist damit zum Beispiel eine Anfahrtsskizze erstellt, die sonst für teures Geld erworben werden muss.
Doch die Möglichkeiten der Nutzung gehen noch viel weiter, wie einige Beispiele rund um die Welt illustrieren. Da ist die Initiative “I love mountains” in den USA, die versucht, die Sprengung von Bergkuppen zum Abbau von Kohle zu verhindern. Die Organisation dahinter, Appalachian Voices, nutzt Google Earth um per Satellitenbild auf die massive Umweltzerstörung aufmerksam zu machen.
In der Amazonasregion nutzt ein Indianerstamm Google Earth um den aktuellen Stand der Abholzung des Regenwaldes nach zu verfolgen.
In Afrika wurde eine solche Anwendung von engagierten Aktivisten sogar mit dem Mobiltelefon verknüpft. Während der politischen Krise nach den Wahlen in Kenia im Dezember 2007 kam es zu Auseinandersetzungen im ganzen Land und die Lage war unübersichtlich. Aktivisten entwickelten eine Anwendung, bei der per SMS Nachrichten an eine Internetseite geschickt werden können. Landesweit berichteten Freiwillige per SMS über Menschenrechtsverstöße, die transparent auf einer Karte dargestellt wurden. Das Projekt Ushahidi hat viele Nachahmer gefunden.
Das Projekt OpenStreetMap begann vor einigen Jahren in England, hat aber mittlerweile Helfer weltweit. Deutschland hat die meisten Freiwilligen und die detaillierteste Karte, die sogar Briefkästen, Apotheken, Restaurants und Sicherheitskameras mit einschließt. Hier werden ebenfalls bereits Wander- und Fahrradkarten angeboten.
Auch die britische Seite FixMyStreet ist ein Beispiel dafür, wie Bürger sich in die Kartierung einbringen können.
Ebenso das Projekt Open Green Map , das Internetnutzer dazu einlädt, die ökologisch-kulturellen Eigenschaften ihrer Umgebung zu kartieren, nach dem Motto “Think Global, Map Local”. Für Berlin-Neukölln existiert schon eine Green Map .
Diese Bündelung von freiwilligem Bürgerengagement über das Internet wird von gemeinnützigen Organisationen in Deutschland kaum genutzt und noch völlig unterschätzt. Der Film ‘US now’ aus England beschreibt die Potentiale eindrucksvoll.
Dabei gäbe es vielfältige Möglichkeiten, wie auch die Einführung ‘Maps for Advocacy’ des Tactical Technology Collective anschaulich beschreibt. Folgende Ansätze wären für gemeinnützige Organisationen und Bürger denkbar:
Karten können vielfältig genutzt werden, um Probleme anschaulicher und konkreter darzustellen
In der Kombination mit unterschiedlichen Daten können komplexe Sachverhalte mit Hilfe von Karten entschlüsselt werden.
Karten können zu neuen Anwendungen eines gemeinsamen Bürgersachverstandes genutzt werden
Im lokalen Kontext können Karten helfen, Bürger zu vernetzen.
Eine wichtige Einschränkung muss jedoch auch genannt werden. Karten können durchaus die Transparenz erhöhen und bieten neue Formen der Darstellung, aber jede Karte lässt sich ähnlich wie Statistiken einseitig und verzerrt nutzen. Offene Karten und Geodaten sind nur ein Instrument unter vielen, die aber hoffentlich bald in der gemeinnützigen Landschaft Deutschlands mehr Anwendung finden werden.
Lesenswertes Interview in der SZ mit dem Sozialpsychologen Harald Welzer, der aus Anlass des aktuellen Wahlkampfs einen interdisziplinären Blick auf Demokratie und Klimawandel wirft.
SZ: Wieso umgehen auch informierte Politiker das Thema?
Welzer: Sie kommen aus einer Welt, in der man stets optimistisch in die Zukunft blickte. Nun ahnt man zum ersten Mal: Die Gegenwart ist womöglich besser als die Zukunft. Dazu fällt denen nichts ein. Auch bei der Bewältigung der Weltwirtschaftskrise geht es nur darum, den Status quo um jeden Preis zu erhalten. Man stellt keine Weichen für eine Ökonomie, die mit weniger oder ohne Wachstum auskommen könnte.
(…)
SZ: Bislang nahm die politische Theorie an, dass Demokratien prinzipiell leistungsfähiger sind als andere Systeme.
Welzer: Der wirtschaftliche Erfolg der chinesischen Gesellschaft beruht nicht auf Demokratie. Offenbar bringt es einen Vorteil, wenn man einfach planen und exekutieren kann, ohne langwierige Verfahren, so wie bei uns.
Hier stimme ich nicht zu. Der Erfolg Chinas beruht (bisher) auf niedrigen Lohnkosten und Raubbau an der Natur. Die Frage ist, um wieviel erfolgreicher China mit Demokratie wäre, denn das heisst vor allem weniger Günstlingswirtschaft und Korruption. Ein autoritärer Staat kann Großprojekte schnell durchdrücken, aber die wahren Kosten liegen darin, dass in diesem System hunderttausende, wenn nicht Millionen Kleinunternehmer in den Regionen zu hohe Markteintrittsbarieren haben. Das kostet Jobs und Wirtschaftswachstum. (Und hat Auswirkungen auf Investitionen und Sparquote).
SZ: Können autoritäre Systeme auch Umweltprobleme effektiver angehen?
Welzer: Das ist die heiße Frage. China ist eben nicht nur eine Diktatur autistischer Politbonzen. Offenbar ist das System gar nicht so schlecht darin, zu registrieren, wo die Schuhe drücken und dann relativ schnell gegenzusteuern, auch bei Themen wie dem Umbau der Energieversorgung. So investieren die Chinesen mittlerweile massiv in erneuerbare Energien. Sie befürchten unter anderem, dass das Abschmelzen der Himalaya-Gletscher zu Problemen mit der Wasserversorgung führt, die zur Umsiedlung von Millionen Menschen zwingen könnten. Außerdem wollen sie so ihre Autarkie stärken.
Interessanter Punkt. Ich glaube, dass Demokratien trotz ihrer Mängel voraus schauender agieren können als autoritäte Systeme. Nur wer irgendwie legitimiert ist, kann Opfer verlangen.
In weiteren Passagen thematisiert Welzer wichtige Beiträge aus Privatwirtschaft und Zivilgesellschaft zum Klimaschutz. Genau die gibt es aber nicht in autoritären Staaten, weil der Deal des privaten Engagements — ich engagiere mich für eine bessere Welt im abstrakten Sinne, und wenn das die Mehrheit macht wird das irgendwann auch mir zu Gute kommen — nicht funktioniert. Es geht nur darum, sich abseits vom Störfeuer des Staats durch zu wursteln. Ich vermute, dass autoritäre Staaten bei öffentlichen Gütern mit externen Effekten — z.B. die Umwelt — daher eine wesentlich schlechtere Bilanz haben als demokratische (siehe DDR vs BRD?).
Interessanter Artikel in der FAZ. Diskutiert, wie das Verhältnis zwischen Bevölkerung und Autoritäten ins Rutschen geraten ist.
Und nun versteht man, warum die offiziellen Repräsentanten des Regimes so empfindlich auf öffentliche Begegnungen mit ihren Kritikern – wie jüngst im Vorfeld der Buchmesse – reagieren: Das riesige und wundersame Land ist von einer gesellschaftlichen Dynamik erfasst, die kaum noch von Oben zu steuern ist. (…) Kaum jemand lebt noch so wie seine Eltern und Großeltern, auch auf dem Lande nicht. Dieses Tempo ist uns fremd – aber auch den regierenden Eliten, jenen paar Familien, deren seltsames, von der Realität abgekapseltes Miteinander die postumen Memoiren des einstigen Parteichefs Zhao Zyiang so eindringlich beleuchten.
In einer vergleichbaren Umbruchssituation entstanden in Europa der Liberalismus, die Sozialdemokratie und der Kommunismus, damals unerhörte Bewegungen. Kein Wunder, dass die Parteikader leicht nervös sind. Also erhöhen sie, um die Fliehkräfte zu bannen, das Tempo: Formel Eins, Transrapid, Olympia, höchstes Gebäude der Welt, Raumfahrt – jedes Jahr, jeder Monat und jede Woche muss ein neuer Hammer niederkommen, um die hochbewegliche, labile Bevölkerung im Bann zu halten; Nationalstolz muss beschworen werden, damit die Provinzen nicht aufeinander losgehen.
Kritisiert in anderen Passagen auch das westliche Bild von China.
Außerhalb des Westens bewegt sich viel. Die Welt wächst, und sie wächst zusammen. Wir verstehen das als Chance. Menschen in aller Welt profitieren von stärkerer politischer, wirtschaftlicher, sozialer Vernetzung. Das Internet ist ein vielschichtiges Medium der transnationalen sozialen Vernetzung geworden. Wir sind Bridge-Blogger: wir übersetzen und diskutieren die Debatten der internationalen Blogosphäre.